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Drascha zu Rosch Haschana 5776 von Dr. A. Yael Deusel

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Ein Schofar – dieses Instrument hat dem Festtag seinen ursprünglichen, biblischen Namen verliehen: Jom ha-Trua, Tag des Posaunenschalls. Nun, eine Posaune ist es eher nicht; es ist – ein Widderhorn. Warum ausgerechnet ein Widderhorn? Einmal davon abgesehen, daß es zu jenen Zeiten nicht so sehr viele andere Möglichkeiten gab, sich ein Musik- oder eher ein Signalinstrument zu schaffen, geben unsere Weisen dem Schofar auch eine Symbolbedeutung: Es erinnert an die Akedat Jitzchak, die Bindung des Jitzchak, die gerade noch einmal gut ausgegangen ist (außer für den Widder, natürlich).

So lesen wir im Talmud, im Traktat Rosch Haschana: Warum bläst man auf einem Schofar aus einem Widderhorn? Der Heilige, gelobt sei Er, sagte, blast vor Mir auf einem Schofar aus einem Widderhorn, auf daß Ich mich um euretwillen an die Bindung von Jitzchak ben Avraham erinnere, und Ich will es euch anrechnen, als hättet ihr euch selbst vor Mir gebunden. So sagt Rabbi Abahu. Und Rabbi Jitzchak (ausgerechnet Jitzchak!) sagt, ganz lapidar: Warum bläst man an Rosch Haschana? Nun, warum bläst man wohl? Weil der Barmherzige sagt: Blast! [Lama tok’in?! Rachamana amar: Tik’u!]

Der Ewige sagt „Blast!“, also blasen wir… – da fragt man doch nicht nach! – Verhält sich nicht gerade so unser Avraham? Der Ewige sagt „Bring mir deinen Sohn hinauf auf einen Berg, für ein Ganzopfer“, und Avraham tut es. Er fragt nicht nach; er verhandelt nicht. Gleich in der Früh macht er sich auf den Weg, hackt sogar vorher noch selber Holz für das Opfer. Das an sich ist schon eine Betrachtung wert: Er, der Patriarch, macht selber Holz klein – eigentlich eine „Hofkehrer-Arbeit“, für den Untersten in der häuslichen Hierarchie, nicht für den Obersten. Und – Holz, nicht etwa Reisig, Windbruch oder was man sonst noch so auf einem Berg, an Ort und Stelle um einen improvisierten Altar, finden mag. Holz, das er zu Hause bei sich hat; vergessen wir nicht: Holz ist ein wertvoller Rohstoff in der Wüste. Und dann schleppt er, bzw. sein Tragtier, das Holz auch noch mit, drei Tagereisen weit, und schließlich auf den Berg hinauf. Sollte es also besonderes Holz sein für so ein außerordentliches Opfer? Oder hatte Avraham lediglich Bedenken, womöglich könnte sein Opfer am Mangel an Feuerholz scheitern? Offenbar ist Avraham wild entschlossen, das vom ihm verlangte Opfer zu bringen, und es auch noch besonders schön, besonders gut zu machen.

Aber halt! Was hat Er denn tatsächlich verlangt, der Ewige? Hat Er etwa gesagt Ha’alehu ola? Hat Er nicht; er hat gesagt Ha’alehu (scham) le’ola, und li – Mir hat Er auch nicht gesagt. Avraham hat es aber so verstanden. Und nun wartet der Ewige, gelobt sei Er, ab, was Avraham tun wird.

Nein, der Ewige will kein Menschenopfer, gar nicht, und unsere Weisen sagen, Er habe dem Avraham diese Prüfung auferlegt, um dies auch sehr deutlich zu machen. Ob das wirklich der Grund war? Wie viele Dinge hat der Ewige geboten, ohne sie auf so drastische Art und Weise klarzumachen! Nein, der Ewige will kein Menschenopfer, und wollte es nie. Sollte die Akeda also dazu dienen, die Glaubensstärke und G’ttergebenheit des Avraham herauszustellen? So ist es zumindest verstanden worden – „auch das Liebste, was ich habe, will ich dem Ewigen opfern“ — So sagte viele hundert Jahre später auch Hanna, Mutter von sieben Söhnen, von der wir im 2. Buch der Makkabäer lesen. Die setzt sogar noch eins drauf und läßt den jüngsten Sohn an Avraham ausrichten, sie habe ihn noch übertroffen, denn er habe ja nur ein Kind dargebracht und es sogar nur gebunden, sie aber habe sieben Söhne tatsächlich geopfert. Was für ein Mißverständnis! Dafür sollte Avraham ein Vorbild sein?! Das sollte der Ewige gewollt haben? Sagte Er uns nicht ausdrücklich, die Gebote seien dafür da, daß der Mensch durch sie lebe, nicht daß er durch sie umkomme?

Glaubensstärke, auch bis hin zum Märtyrertum, ist eine Sache. Das Wort des Ewigen zu befolgen ist eine andere Sache, und die hat mit der ersteren nur mittelbar zu tun.

Und vor allem geht die Glaubensstärke jeden einzelnen für sich selber an – wie käme also jemand dazu, seine Kinder zu opfern anstatt sich selber? Und der nächste Schritt – um des Glaubens willen Kriege führen — ist das nicht auch eine Form von Menschenopfer, gar noch unter der Prämisse „Deus lo vult“? Nein, G’tt will es eben nicht.

Ach, wäre es nur immer so leicht, den Willen des Ewigen zu erkennen! Wie oft meinen wir, wir hätten Seinen Willen erkannt und handeln genau nach diesem Seinem Willen. Allein, „der Herr ist nicht deutlich“, so läßt Thomas Mann den alten Jaakob sagen, der mit seinem Enkel über „Abrahams Erbe“ spricht.

Wir sind also aufgefordert, darüber nachzudenken, was genau es sein mag, das wir tun sollen. Dazu gehört auch das Nachfragen, ja sogar das Hinterfragen: Was ist der Kern der Mitzwa – was ist gemeint, nicht wie erscheint es von außen. Kavana steht über Keva, die Absicht über der äußeren Form, die Ethik über dem Ritus. Alles andere gleicht dem, was Rabbi Jitzchak sagt: „Der Ewige sagt: Blast! Also: Blast!“

In unserer Feiertagsliturgie zu den Jamim Nora’im nehmen wir immer wieder Bezug auf die Akeda, auf die große Prüfung des Avraham, auf seine Glaubensstärke – und mit dem Schofar wollen wir den Ewigen daran erinnern – wollte Er uns doch gnädig sein und bedenken in Erinnerung an diese Glaubensprüfung des — des Wem? Des Avraham? Wer war denn letztlich der Leidtragende der Akeda – nicht etwa Jitzchak? (Vom Widder mal abgesehen). Das ist aber unbequem. Lieber wollen wir sein wie Avraham und nicht wie Jitzchak; lieber der mit Seelenqualen Opfernde als der mit Schmerzen Geopferte.

Und doch sagt Rabbi Abahu: Warum bläst man auf einem Schofar aus einem Widderhorn? Der Heilige, gelobt sei Er, sagte, blast vor Mir auf einem Schofar aus einem Widderhorn, auf daß Ich mich um euretwillen an die Bindung von Jitzchak ben Avraham erinnere, und Ich will es euch anrechnen, als hättet ihr euch selbst vor Mir gebunden. Die Prüfung des Jitzchak will Er uns also anrechnen, nicht die Tat des Avraham. Bedenkt das Opfer, sagt uns damit der Ewige, nicht den Opfernden. Bedenkt genau, was ihr tut – ist es wirklich Mein Wille? Habt ihr nach der Kavana gesucht, oder seid ihr schon zufrieden mit der Keva?

Woran also denken wir, wenn wir den Klang des Schofar hören? Es ist ein Ruf zur Umkehr, zum Verlassen von ausgetretenen Wegen des gewohnheitsmäßigen Tuns und Glaubens. Es ist ein Weckruf – lassen wir uns wecken!

Schana tova!

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